Stressbelastung in Zeiten der Pandemie


20.August 2021

Seit dem Frühjahr 2020 erleben wir eine globale, kollektive Verunsicherung und langfristige Bedrohung durch das Virus Covid-19. Die anhaltende Situation kann zu traumatischem Stress führen, den wir vielleicht in dieser Intensität und Dauer noch nicht erlebt haben.

Normalerweise reagieren wir auf eine potentielle Lebensbedrohung mit den biologischen Stressreaktionen Kampf, Flucht oder Erstarrung. Doch da die Bedrohung nicht sichtbar ist, können wir sie nicht aktiv bekämpfen oder vor ihr flüchten. Dies kann zu einer Erstarrungsreaktion führen, die unsere evolutionär älteste Reaktion auf Bedrohung und Stress darstellt. Obwohl man weiterhin im Alltag zu funktionieren scheint, fühlt man sich erschöpft, reizbar, unruhig, innerlich leer und depressiv verstimmt. Normalerweise löst sich die Erstarrungsreaktion, sobald man sich wieder sicher fühlt und die Gefahr vorüber ist. Doch weil die Bedrohung weiter anhält, kann die Erstarrung zu einem chronischen Zustand werden.

Die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbotsregelungen haben bei vielen Menschen bereits eine Stresssymptomatik ausgelöst. Andauernde Gefühle von Unsicherheit, Angst und Isolation sind auch ein Risikofaktor für Menschen, die nicht traumatisch vorbelastet sind. Obwohl wir rational verstehen, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie notwendig sind, erleben wir sie physiologisch trotzdem als Stress. Denn soziale Kontakte beruhigen uns, wenn sie als angenehm empfunden werden. Durch die Kontakteinschränkungen wurde es erschwert, Sicherheit und Schutz durch andere Menschen zu erfahren. Obwohl Kontakt jetzt wieder möglich ist, fällt es uns vielleicht schwer, emotionale und körperliche Nähe zuzulassen.

Falls Sie durch frühere Erfahrungen bereits vorbelastet sind, kann es sein, dass durch die andauernde Situation alte Traumata berührt und erneut ausgelöst werden. Diese Reaktivierung – selbst von längst überwunden geglaubten Erfahrungen – kann zusätzlich als irritierend und verunsichernd erlebt werden. Sollten sich traumatische Inhalte aus der Vergangenheit nun vermehrt ins Bewusstsein drängen, ist dies zugleich auch eine große Chance, sie jetzt therapeutisch zu bearbeiten und zu integrieren.