Stressbelastung in Zeiten der Pandemie

 
26.März 2022

 

Seit Februar 2020 erleben wir eine globale, kollektive Verunsicherung und langfristige Bedrohung durch das Virus Covid-19. Die anhaltende Situation kann zu traumatischem Stress führen, den wir in dieser Intensität und Dauer noch nicht erlebt haben.

Normalerweise reagieren wir auf eine potentielle Lebensbedrohung mit den biologischen Stressreaktionen Kampf, Flucht oder Erstarrung. Doch da die Bedrohung nicht sichtbar ist, können wir sie nicht aktiv bekämpfen oder vor ihr flüchten. Dies kann zu einer Erstarrungsreaktion führen, die unsere evolutionär älteste Reaktion auf Bedrohung und Stress darstellt. Obwohl man weiterhin im Alltag zu funktionieren scheint, fühlt man sich erschöpft, reizbar, unruhig, innerlich leer und depressiv verstimmt. Sobald die Gefahr vorüber ist und man sich wieder sicher fühlt, löst sich die Erstarrung von selbst. Doch wenn die Bedrohung weiter anhält, kann die Erstarrung zu einem chronischen Zustand werden.

Ständig verändernde Maßnahmen und Kontakteinschränkungen lösen bei vielen Menschen bereits eine Stresssymptomatik aus. Andauernde Gefühle von Unsicherheit, Angst und Isolation sind auch ein Risikofaktor für Menschen, die nicht traumatisch vorbelastet sind. Obwohl wir rational verstehen, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie notwendig sind, erleben wir sie physiologisch trotzdem als Stress. Denn soziale Kontakte beruhigen uns, wenn sie als angenehm empfunden werden. Durch die Kontakteinschränkungen wurde es längere Zeit erschwert, Sicherheit und Schutz durch andere Menschen zu erfahren. Obwohl Kontakt längst wieder möglich ist, fällt es uns vielleicht schwer, emotionale und körperliche Nähe zuzulassen.

Falls Sie durch frühere Erfahrungen bereits vorbelastet sind, kann es sein, dass durch die andauernde Situation alte Traumata berührt und erneut ausgelöst werden. Diese Reaktivierung – selbst von längst überwunden geglaubten Erfahrungen – kann zusätzlich als irritierend und verunsichernd erlebt werden. Sollten sich traumatische Inhalte aus der Vergangenheit nun vermehrt ins Bewusstsein drängen, ist dies zugleich auch eine große Chance, sie jetzt therapeutisch zu bearbeiten und zu integrieren.